Dolce Vita auf zwei Rädern

Dolce Vita auf zwei Rädern

Einmal reingetreten, zwei Mal reingetreten. Hoppla, die Benzinzufuhr ist ja noch zu. Den Choke ein kleines bisschen ziehen. Aber bloß nicht zu viel, sonst säuft sie ab. Millimeterarbeit mit viel Gefühl. Jetzt noch einmal kräftig auf den Kickstarter getreten und der Zweitakter erwacht knatternd zum Leben. Und damit die gesamte Elektrik. Tankanzeige, Lichter und Blinker funktionieren erst, wenn der Motor läuft. Denn viele Vespa-Modelle, vor allem die älteren, haben keine Batterie.
Nun gilt es, ein wahrsagerisches Gefühl für die Viergang-Drehschaltung zu entwickeln. Und der Druckpunkt der Kupplung? Nun ja, vielleicht findet der sich ja irgendwann. Die Vespa entwickelt in der Handhabung ein regelrechtes Eigenleben. Jede hat ihren ganz eigenen Charakter. Und der geübte Vespafahrer weiß auch, dass, ist er einmal mit einer Vespa vertraut, die zweite schon wieder unerforschtes Terrain ist, das genau erkundet werden will. Wie gesagt: Jede Vespa ist ein bisschen anders.

Aber vielleicht ist er genau deshalb Kult, der Roller mit italienischen Wurzeln, der wie kein anderes Fahrzeug die italienische Lebenskultur verkörpert. Dolce Vita auf zwei Rädern, knatternd im Zweitakt. Mit Trommelbremsen, die manchmal verzögert bremsen. Aber trotzdem. Oder gerade deswegen. Die Besitzer schwören auf ihre Vespa, oder gleich auf mehrere. Denn der richtige „Vespisti“ hat drei von der Sorte. Eine zum Fahren, eine als Ersatzteillager und eine zum Herrichten und Schrauben. Andere Besitzer wiederum sammeln die verschiedenen Hubraumgrößen. Und wieder andere sammeln alles, was ihnen in die Hände kommt. Vor allem Ersatzteile. Man weiß ja nie, wann man sie braucht. Damit ist auch schon gesagt, dass ein Vespa-Besitzer bestenfalls auch eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker haben sollte.
Auch in Neuburg gibt es eine illustre Vespa-Gesellschaft. Die „Vespa High Rollers“. Eine Gruppe von Vespa-Verrückten, die sich unter dem Dach des Motorclubs Neuburg zusammengeschlossen hat. Gemeinsam frönen sie dem Kultobjekt. Einer von ihnen ist Tobias Wein aus Bergheim. Der 38-Jährige fährt seit seinem 16. Lebensjahr Vespa. Und der gelernte Anlagenmechaniker und Schweißer richtet sie auch selbst her. Seine wildeste Geschichte bisher: Für Frau Stefanie hat er im vergangenen Frühjahr eine 50er Vespa hergerichtet. „Neue Bremsen, neue Lager, den Vergaser eingestellt: So, dass sie lief und verkehrssicher war.“ Im Oktober dann der Unfall. Ein Autofahrer nimmt Stefanie die Vorfahrt. Resultat: Die Fahrerin landet im Krankenhaus, die Vespa V 50 N, Baujahr 1969, ist schrottreif. „Nein, sagten wir uns. Dieser Roller muss überleben.“ Schließlich hatte die Vespa sogar einen Namen – „Hilde“. Wein begann mit dem Wiederaufbau, der sieben Monate und rund 400 Arbeitsstunden dauern sollte. Ohne die dann noch folgende Lackierung. „Gott sei Dank kam der Winter. Und immer, wenn meine Frau damit haderte, dass ich in der Werkstatt war, konnte ich sagen, das sei nur für sie“, schmunzelt Wein.
Von dem Unfallfahrzeug war nur noch der hintere Teil des Rahmens nutzbar. Egal. Wein machte sich an die Ersatzteilbeschaffung. Und da halfen auch die Freunde bei den „High Rollers“ kräftig mit. Denn wer Vespa fährt, sammelt auch schon mal Teile und Werkzeuge. „Die Ersatzteilversorgung ist gut, da vieles in Lizenz nachgebaut wird. Will man aber Originalteile, schaut das schon ganz anders aus.“ Und „Hilde“ sollte so originalgetreu wie möglich wieder entstehen. Heute strahlt der Roller in einem sanften Blauton. Übrigens die Originalfarbe. „Das ist ganz wichtig. Viele Vespas werden durch Überlackierungen verhunzt.“
Nach jeder Werkstattarbeit folgt eine Probefahrt. Die Weins machten sie nach Bibione. „Ich hatte am Vorabend die letzte Schraube festgezogen und am nächsten Tag machten wir uns auf zwei 50-Kubik-Vespas auf die große Fahrt nach Italien.“ 670 Kilometer hin über den Zierler Berg, die alte Brenner-Bundesstraße und quer durch die Dolomiten bis hoch auf über 2300 Meter. „Stellenweise mit 15 Stundenkilometern im ersten Gang.“ Aber beide Roller hielten durch. „Und in Italien hatten wir sofort viele Freunde und waren gern gesehen.“ Zwei Tage hin, zwei Tage in Bibione und zwei Tage zurück. Mit einem Schnitt von 45 Stundenkilometern. Eine wirklich ausgedehnte Probefahrt, die die beiden Vespas mit Bravour erledigten.
Tobias Wein ist nur einer von rund 20 Klubmitgliedern, die den harten Kern bilden. Darüber hinaus hat die WhatsApp-Gruppe 40 und die Facebook-Seite 130 Mitglieder. Peter Imhof koordiniert die Ausfahrten, Stammtische und, und, und. Und wo immer sie auftauchen: Die Vespas, im Italienischen heißt die Mehrzahl übrigens „le vespe“, werden bestaunt. In den letzten Jahren ist um den italienischen Roller mit dem Dolce-Vita-Flair ein regelrechter Kult entstanden. Und Originale kosten inzwischen richtig viel Geld. Aber was bedeutet einem echten Vespisti schon Geld, wenn er dafür eine seiner treuen Zweiräder hergeben müsste.

Foto & Text: Manfred Dittenhofer